
Ich las einmal von einem Patienten mit schrecklichen Alpträumen aus dem Vietnam-Krieg. Ein junger Psychoanalytiker hatte sich vorgenommen, dem Patienten zu helfen, die Alpträume los zu werden. Das hatte auch eine Weile funktioniert. Doch dann habe der Patient seine Alpträume wieder geträumt und gesagt: „Ich brauche diese Träume. Sie sind ein Andenken an meine verstorbenen Kameraden.“ Diese Idee ist vielleicht gar nicht so schlecht. „Immer wieder werde ich von heftigen Angstattacken überfallen und ich frage mich: Was war denn jetzt schon wieder?“, sagen manche Patienten mit einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung. Die Psyche erinnert sie daran, dass da mal eine furchtbare Gefahr war, dass da etwas Schreckliches passiert ist.Weiterlesen
Eine zweite Sitzung an einem Tag kann gerade bei schwer traumatisierten und psychotischen Menschen in der ambulanten Psychotherapie oder Psychoanalyse sehr sinnvoll sein. Manche entwickeln in der Abwesenheit des Psychotherapeuten erschreckende Phantasien und fühlen sich verfolgt. Interessanterweise kann eine zweite Sitzung am Tag meiner Erfahrung nach Verfolgungsängste reduzieren, weil der Abgleich mit der Realität stattfinden kann. In krisenhaften Phasen der ambulanten, hochfrequenten Psychotherapie mit schwer gequälten Patienten können zwei Sitzungen an einem Tag zur deutlichen Entspannung führen.Weiterlesen
Die Persönlichkeitsstörung ist eigentlich eine Beziehungsstörung. Persönlichkeitsstörungen sind relativ weit verbreitet – weltweit leiden schätzungsweise 7% daran (Winsper C. et al., 2019/2020). Wir alle sind in bestimmten Bereichen, neurotisch, psychisch „niedrig strukturiert“ oder merkwürdig. Doch auch, wenn wir eine „Persönlichkeitsstörung“ haben, können wir oft ein relativ normales und auch erfolgreiches Leben führen. Oft können wir unsere Störung – vielleicht sollte man besser sagen: „Verletzung“ oder „Beschädigung“ – spüren und in eine Stärke umsetzen. Vielleicht leiden wir irgendwie an unserem Leben, ohne dass wir unser Leiden genauer beschreiben könnten.Weiterlesen
Begründer der Gestalttherapie ist Frederick Salomon Perls (1893-1970), oft einfach „Fritz“ genannt. Die Gestalttherapie gibt es seit 1951. Mit dem Begriff „Gestalt“ meint Perls die Einheit in uns, die Erfahrungen sammelt und immer nach Vollständigkeit strebt. Dabei legt die Gestalttherapie einen Schwerpunkt auf den Körper. In ihm kommt zum Ausdruck, wenn wir Gefühle und Erfahrungen vermeiden wollen. (Beachte: Die „Gestalttherapie“ ist etwas anderes als die „Gestaltungstherapie“.) Jeder Mensch steht in ständigem Kontakt zur Umwelt. Die Verbindung zwischen Umwelt und Organismus ist ein zentrales Thema der Gestalttherapie. Wie der Patient seine Umwelt wahrnimmt, hängt sehr davon ab, wie er seinen eigenen Körper wahrnimmt. Wenn ein körperliches Bedürfnis befriedigt wird, dann ist eine Situation für den Menschen vollkommen und beendet. Der Mensch ist quasi „satt“ und hat wieder Energie, sich neuen „unvollkommenen“ Situationen und Bedürfnissen zu stellen. Weiterlesen

Im weitesten Sinne bedeutet „Abstinenz“, dass der Therapeut keine private – vor allem aber auch keine sexuelle – Beziehung mit dem Patienten eingeht. Der italienische Psychoanalytiker Gaetano Benedetti (1920-2013) schreibt: „Die Abstinenzregel bleibt grundsätzlich gültig als Selbstdisziplin, als Selbstreflexion, als ständige Überprüfung der unbewussten Motivationen, als Verzicht auf narzisstische Interventionen“ (Die Kunst des Hoffens, Vandenhoeck & Ruprecht 2000, S. 158). Weiterlesen
Früher behandelten Psychoanalytiker eher reifere Patienten mit neurotischen Konflikten – oder sie dachten, sie täten es, da es noch nicht so viel Wissen über frühkindliche Traumatisierungen gab (man denke an „Der kleine Hans“ von Freud, der aus heutiger Sicht wohl schwer traumatisiert war, siehe z.B. Gassenhuber, PDF). Weiterlesen

Gerade in nahen Beziehungen finden wir Störendes, Beängstigendes oder Aggressives wieder, was wir doch schon aus vorherigen Beziehungen kennen und schon lange abgelegt haben wollten. Solange uns Dinge unbewusst sind, handeln und sprechen wir oft wie „automatisch“. Wenn wir eine feindselige Übertragung auf unseren Psychotherapeuten haben, dann ist es wichtig, die Übertragung zu erkennen – wenn es denn eine Übertragung ist. Weiterlesen

In der Psychotherapie gerade schwer kranker Patienten kann das vorkommen: Der Patient will den Therapeuten verklagen, weil er ihn angefasst, in die Suizidalität oder in den Wahnsinn getrieben hätte. So etwas kann sich für Psychotherapeuten und Psychoanalytiker in der Beziehungsdynamik sehr bedrohlich anfühlen. Der Patient möchte den Therapeuten – bildlich gesprochen – „vernichten“. Weiterlesen

Psychoanalyse sei eigentlich eine „Heilung durch Liebe“, schrieb Sigmund Freud im Brief an C.G. Jung am 6.12.1906. Daran musste ich denken, als ich das Buch „Mein größtes Rätsel bin ich selbst“ (Verlag Hanser, 2023) las. Es erzählt berührende, wahre Therapiegeschichten, die erahnen lassen, wie bedeutsam die Psychoanalyse für den Einzelnen werden kann. Die Psychoanalytikerin Cécile Loetz und der Psychoanalytiker Jakob Müller, Gründerin und Gründer des Podcasts „Rätsel des Unbewussten“, haben mit ihrem Buch etwas ganz Wunderbares geschafft: Sie bringen dem Leser die Psychoanalyse näher und bewirken durch die Art ihrer Sprache gleichzeitig, dass das Gefühl von innerer Bewegung entsteht. Man kann den Geschichten folgen und dabei auch für sich selbst Einsichten gewinnen.Weiterlesen

„Ich brauche mehr Einzelgespräche“ – kaum einen Satz hörte ich als Ärztin in der Psychiatrie öfter. Der Hunger nach haltgebender und empathischer Beziehung ist riesig. Wenn das Selbst wie „rupturiert“ (eingerissen) ist, braucht der Mensch einen anderen Menschen, der dabei hilft, das Selbst wieder „ganz“ werden zu lassen. Weiterlesen