Willkommen

Von der Angst, sich vor einem anderen zu bewegen (Bewegungsangst)

Es fängt oft in der Jugend an: Man bemerkt, dass man Angst hat, sich vor anderen zu bewegen. Vielleicht hat man auch Angst, vor anderen zu singen, zu schreiben oder zu essen. Die Tatsache, dass ein anderer einen beobachtet, wird auf einmal zum unüberwindbar...

Dieser Beitrag ist nur für Mitglieder sichtbar.

Jetzt Mitglied werden

Corona auf der Couch

Patient (C): "Ich halte das nicht mehr aus. Ich kann so auf keinen Fall weiterleben! Also wie soll ich sagen, ich traue mich kaum, es auszusprechen." Analytiker (A): "Hmm." C: "Also ... äh ... ich habe zuerst ein ganzes Land lahmgelegt. Und schließlich sogar d...

Dieser Beitrag ist nur für Mitglieder sichtbar.

Jetzt Mitglied werden

Schwierigkeiten in der Kommunikation aus psychoanalytischer Sicht

Kommunikation ist immer auch gegenseitiges Containment: Der Eine nimmt die Gefühle des anderen auf, denkt darüber nach und versucht, sie zu verstehen. Es folgt die Reaktion, zum Beispiel in Form von Trost, Beruhigung, Überraschtsein, Neugier oder Interesse. Funktioniert das Containment gut, dann haben wir eine gute Kommunikation: Der Eine sagt was, der andere hört zu, denkt nach und sagt dem anderen etwas, der wiederum zuhört. Bei beiden trifft das Gesagte auf fruchtbaren, lockeren Boden (kommensales Containment). Der Eine findet sich im anderen vielleicht wieder, oder auch nicht. Beide zeigen durch ihre Mimik und Gestik, wie es ihnen geht.

Dann wiederum gibt es ungute Containment-Formen: Wer „zumacht“, der kann nichts aufnehmen. Was ich sage, prallt am anderen ab; ich werde auf mich selbst zurückgeworfen, finde mich im anderen nicht wieder und werde wütend.

Oder der andere nimmt das, was ich ihm gebe und „dreht mir die Worte im Mund herum“. Der andere fällt vielleicht über mein Gesagtes her wie ein hungriger Wolf über seine Beute. Das ist dann so etwas wie ein „parasitäres Containment“: Der andere versucht, Nutzen von dem zu haben, was ich ihm gebe. Er will es kontrollieren. So wird echter Kontakt nicht möglich. Dabei kann Schnelligkeit in der Kommunikation vieles nur schlimmer machen. „Den hab‘ ich aus meinen Kontakten gelöscht“, sagen wir. Wenn wir lernen, Beunruhigung auszuhalten und trotz Spannung zu warten, etwas „ankommen“ und sich transformieren zu lassen, werden wir uns wundern, wieviel schöner Kommunikation werden kann.

„Ich verstehe Dich zu sehr!“

Dann wiederum gibt es ein Containment, das „zu verständnisvoll“ ist. Der andere hat eine Phantasie davon, wie es mir geht und ist sich 100 Prozent sicher, dass es so ist. Dann versteht er mich nicht, sondern ist bezogen auf seine innere Phantasie, während er das Gefühl hat, mich „voll und ganz“ zu verstehen. Auch wird es schwierig, wenn zwei im selben Gefühlszustand zu sehr gefangen sind: Wenn ich meine Angst mitteilen möchte, der andere aber selbst in einem Angstzustand ist, dann verstärkt meine Angst möglicherweise seine Angst und umgekehrt: Blickt der andere „zu erschrocken“, dann kann es sein, dass ich mich davon noch ängstlicher fühle.

Der andere versteht mich zwar, aber es gibt eine Art „Folie à Deux“, eine „Verrücktheit zu zweit“, also einen gemeinsamen Gefühlszustand, in dem beide gefangen sind.

Die Mimik ist besonders am Lebensanfang wichtig

Wie sehr wir unsere Mimik einsetzen, ist von entscheidender Bedeutung für die Gefühle, die beim anderen entstehen. Das spielt eine große Rolle bei der Mutter-Kind-Kommunikation im Säuglingsalter, wo die Mutter ihre Gesichtsausdrücke noch „markiert“, also „übertreibt“, um dem Baby zu zeigen: „Schau her, so fühlst Du! Unter meinem übertriebenem Gesichtsausdruck liegt mein eigenes Gefühl und das unterscheidet sich von Deinem.“ So kann ich dem Baby zum Beispiel seine Überraschung spiegeln, aber selbst auch herüberbringen, dass ich selbst nicht überrascht bin. Bei dieser frühen Kommunikation kann vieles gelingen, aber auch furchtbar schief gehen.

Größenphantasien | Übertriebene Übertragung | Minderwertigkeitsgefühle | Soziale Phobie | Autismus | Trauma | Neurose | Psychose | Trauer | Körperzustände| Geschwisterkonflikte | Geldsorgen | innere Unruhe| Depressionen | Angst| Launen | Lebensumstände | Frühe Kindheit | Bindungserfahrungen | Narzissmus | Clown | Verstecklust | Exhititionslust | Rückzugswünsche | Rachegelüste | Provokation … all dies und noch viel mehr beeinflusst die Kommunikation.

Verschiedene Worte für Dasselbe finden

Ruhige Kommunikation kann dort stattfinden, wo jeder Worte hat. Wenn zwei ein gutes Gespür für sich selbst haben und gelernt haben, ihre Bedürfnisse und Gefühle in Worte zu fassen, dann brauchen sie keinen Körpereinsatz und keine Gewalt, um sich verständlich zu machen.

Bildung hilft sehr dabei, ruhig zu kommunizieren, denn sie zeichnet sich dadurch aus, dass man einen Sachverhalt in verschiedenen Worten schildern kann oder dass man für eine Sache mehrere Begriffe kennt. Wer gebildet ist, weiß, dass die Dinge komplex sind und es mehrere Ansichten gibt.

Fehlt die Wortgewandtheit, so wiederholen die Personen immer wieder denselben Satz oder dasselbe Wort, werden dabei nur immer lauter. Bildung spiegelt sich auch im Gesicht wider: Die Ausdrücke variieren stärker, die Mimik ist differenzierter, sodass sich leichter erfassen lässt, wie es dem Menschen gerade geht.

Die unbewusste Phantasie vom Gefressenwerden

Besonders stark kann die Kommunikation von unbewussten Phantasien gesteuert sein. Es kann zum Besipiel sein, dass man die unbewusste Phantasie hat, der andere könne in den eigenen Körper steigen oder man selbst könne in den Körper des anderen schlüpfen.

Bei kleinen Kindern spielt diese Phantasie eine große Rolle, was sich z.B. in der Metapher vom „bösen Wolf“ widerspiegelt.

Auch bei Psychotikern dreht sich vieles um das Thema Fressen und Gefressen-Werden: Die Angst, der andere könnte die eigenen Gedanken lesen, ist auch die Angst, der andere sei irgendwie „in mir“. Auch der gesunde Erwachsene kann immer wieder unbewusste Phantasien zur Inkorporation haben, z.B. wenn man den anderen „zum Fressen gern“ hat.

Bei der Magersucht und anderen Essstörungen sowie beim Reizdarmsyndrom und anderen Darmerkrankungen können unbewusste Phantasien zum Fressen-und-Gefressen-Werden beteiligt sein.

Spiegelneurone und Telepathie in der Kommunikation

Wenn ein anderer sich weh tut, können wir uns seinen Schmerz vorstellen – unsere eigenen „Spiegelneuronen“ in unseren Schmerzzentren springen an. Durch dieses Modell kann ebenfalls die Vorstellung entstehen, ein anderer sei in uns drin bzw. er sei ein Teil von uns. Auch bei Ängsten vor Gedankenübertragung bzw. Telepathie haben wir manchmal das unheimliche Gefühl, den anderen in uns zu haben.

Der Körper ist eine Grenze mit Fenstern und Türen

Der Körper ist immer eine Grenze. Ich kann nicht „in den anderen einsteigen“, ich kann ihm nur nahe sein. Wenn der andere ein Bild sieht, kann ich nicht in seine Sehrinde einsteigen, aber ich kann das gleiche Bild anschauen. Wir können beide dasselbe Bild anschauen und uns darüber austauschen. Bei uns beiden werden durch das Bild vielleicht die gleichen Hirnareale aktiviert, aber wie wir es empfinden und fühlen, hängt auch von der Gefühlsmatrix ab, in der wir leben.

Die Einsicht, dass ich eine Einheit bin und körperlich getrennt bin von anderen, kann unangenehmste Gefühle wachrufen. Manche bekommen eine Art „Ich-Attacke“, sie fühlen sich in sich selbst wie in einem Gefängnis und immer und immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen. Das passiert oft dann, wenn sie sich sowieso schon einsam fühlen. Hier hilft manchmal der Gedanke, dass der Körper zwar abgeschlossen ist, dass es aber Fenster, Türen und Durchgänge gibt, wobei wir die Öffnung steuern können.

Grenzen in Körper und Psyche

Körperlich bildet das Zwerchfell eine Grenze zwischen „oben und unten“, wir haben einen Magenpförtner zwischen Magen und Darm, wir können unsere Augen und unseren Mund schließen.

Der Verdauungsapparat ist zwar durchgängig, aber er filtert, was er durchlässt. Die Psyche hängt eng mit dem Verdauungsapparat zusammen.

Es gibt ein Bewusstsein und ein Unbewusstes, das durch eine Grenze getrennt ist. Diese Grenze, der „Zensor“ ist nur halbdurchlässig. Wir können etwas ins Unbewusste verdrängen, doch manchmal erscheint es wieder. Anderes wiederum ist von Beginn an unbewusst und bleibt sozusagen immer im Keller.

Durchgängig und doch geschützt

Wir fühlen uns wohl, wenn wir das Gefühl haben, dass unser Darm gerade in gesunder Weise durchgängig ist. Wir haben keinen Durchfall und keine Verstopfung, sondern das richtige Maß an Anspannung und Entspannung. In der Psyche können wir etwas Ähnliches erleben: Es ist keine „Wand“ da und die Kommunikation mit uns selbst und mit dem anderen ist ungestört. Es fühlt sich leicht und beschützt an.

Manchmal haben wir jedoch den Eindruck, eine deftige Mahlzeit liege uns „wie ein Stein“ im Magen. Neuigkeiten, die uns überfordern, können wir psychisch nur schwer „verdauen“ – das fühlt sich dann psychisch ähnlich an wie der körperliche „Stein im Magen“. Überfordernde Eindrücke müssen wir unter Umständen „auskotzen“ – so wird uns schlecht oder wir bekommen Durchfall, wenn wir einen Unfall sehen.

Auch das anstehende Gespräch mit dem Chef kann Durchfall verursachen – wir fühlen uns nicht mehr „ganz dicht“ und befürchten, es könnte „etwas durchsickern“, was verborgen bleiben soll, z.B. unsere Wut auf den Chef.

Manchmal hat man das Gefühl, da gibt es innerlich eine Wand, die da nicht sein soll. Zwischen mir und dem anderen – oder auch zwischen mir und meinen Gefühlen. So kann man sich vor anderen verschließen und nichts aufnehmen, vor allem wenn man hauptsächlich die Erfahrung gemacht hat, dass von den Eltern nichts Gutes kam. Hier kann vielleicht die Vorstellung helfen, einen Filter zu haben oder eine semipermeable Schutzmembran, die filtert, was man aufnimmt, so wie die Muschel das Wasser filtert, das sie aufnimmt.

Das Vegetativum kommuniziert mit

Kommunikation ist immer auch vegetativ. Blitzschnell kann Schweißgeruch auftreten, wenn ich mich durch einen anderen unter Stress gesetzt fühle.

Liebe geht durch den Magen und auch Wut liegt im Bauch. Zwischen mir und dem anderen kann es zu einer vegetativen Angleichung kommen, dem sogenannten „Attunement“ (= Affektabstimmung). Die Atmung kann sich angleichen oder auch Darmgeräusche können durch die Entspannung des Darms bei beiden hörbar werden. Die Nähe eines vertrauten Anderen und insbesondere die Berührung kann schmerzlindernd wirken.

Gestörte Kommunikation durch falsche Sicherheit

Manchmal fühlen wir uns so sicher: Wir glauben sicher, dass die Dinge so sind, wie wir sie sehen und dass der andere uns verstanden hat. Wenn wir merken, dass er das nicht hat – oder uns anders verstanden hat, als wir es mit unserem festen inneren Schema erwarteten, fallen wir aus allen Wolken. Wenn wir aber wissen, dass wir nie sicher sein können – weder über die Dinge noch über das, was im anderen wirklich vorgeht – werden wir innerlich flexibler. Dann haben wir nicht mehr so oft das Gefühl, dass der andere so „unpassend“ antwortet.

Einigermaßen sicher können wir uns nur unserer eigenen Gefühle und Körperwahrnehmungen sein

Das Gefühl stimmt immer. Doch wozu es gehört, ist immer die Frage. wie wir unser Gefühl interpretieren, kann zu einer Reihe von „Fehlern“ führen. Wir meinen vielleicht, wir fürchten den Kollegen, dabei fürchten wir uns vor Erinnerungen, die er in uns wachruft. Richtig ist das Gefühl der Angst. „Falsch“ ist die Zuordnung – der Kollege kann nichts dafür. Auch bei Phobien gibt es solche Verschiebungen, z.B. kann ich bewusst eine Spinnenphobie haben, unbewusst aber das Netz fürchten, wenn ich mich in einer Lebenssituation gefangen fühle.

Komplexe Kommunikation

Kommunikation ist nie einfach. Oft müssen wir uns fragen: Was inszenieren wir? Warum trotzen wir und zeigen wir Widerstand? Vor welchen Gefühlen haben wir Angst? Welche Phantasien haben wir vom Gegenüber? Wie sehen unsere „inneren Objekte“ aus und wie kommunizieren wir mit ihnen? Wie sprechen wir mit uns selbst und wie sieht unsere „Matrix“ aus, unsere innere Brille, unsere innere Gefühlswelt, durch die wir alles wahrnehmen? Wie sehen unsere Übertragungen und Gegenübertragungen aus? Wo kommt es zur projektiven Identifizierung (vereinfachtes Beispiel: „Ich mache, dass Du Dich fühlst, wie ich mich fühle.“)?

Missverständnisse lassen sich in keiner Kommunikation verhindern. Es kommt zu Annäherungen oder zu Entfernungen. Aber Eines ist klar: Wohl jeder sehnt sich nach ungestörter Kommunikation, nach Harmonie und Nähe in Sicherheit bei dem gleichzeitigen Gefühl von Freiheit und Schutz, nach Berührung, Gemeinsamkeit und Verbindung.

Bei so vielen Unsicherheiten in der Kommunikation hilft nur Eines: das Ernstnehmen. Wer sich selbst und den anderen ernstnimmt und wer so gut wie möglich die Wahrheit erforschen will, erfährt oft eine tief befriedigende Kommunikation.

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 18.3.2018
Aktualisiert am 19.4.2020

Die Angst vor dem Friseur (Keirophobie)

Vor Urzeiten zogen die Friseure auch Zähne. Noch heute gehören Friseure und Zahnärte derselben Berufsgenossenschaft an (BGW = Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege). Viele Menschen haben nicht nur Angst vor dem Zahnarzt, sondern auch vor dem Friseur (Keirophobie, keiro = griechisch: abschneiden). Das betrifft vor allem die Menschen, die als Kind Gewalt erfahren haben. Nicht selten müssen sie sich erst daran herantasten, sich selbst gut zu behandeln und sich anderen körperlich wieder anzuvertrauen. Weiterlesen

Meditation und Einschlafen: von der Angst, den Geist zurückzuziehen

Wenn wir uns innerlich abrackern, kommt es uns vor, als seien wir äußerlich durch wirkliches Tun aktiv. Hauptsache in Bewegung bleiben, denken wir - sonst stürzt alles zusammen. Wir wissen, dass uns die Sorgen vom Schlaf abhalten und können doch nichts dagegen...

Dieser Beitrag ist nur für Mitglieder sichtbar.

Jetzt Mitglied werden

Akzeptieren, wenn der alte Mensch sagt: „Ich will nichts mehr trinken.“

Alte Menschen nehmen am Ende des Lebens nur noch sehr wenig Flüssigkeit auf. Lange haben Ärzte dagegengesteuert und gesagt: Flüssigkeit muss sein. Doch der Körper ist intelligent. Am Ende des Lebens vergeht der Durst aus gutem Grund: Im Sterbeprozess versagen die Nieren und das Herz ist schwach. Das bedeutet, dass sich Flüssigkeit in der Lunge ansammelt. Je weniger Wasser dann im Körper ist, umso besser. Der alte Mensch handelt also instinktiv richtig, wenn er das Trinken einstellt. Lesenswert ist hier das Buch des Palliativmediziners Gian Domenico Borasio: Über das Sterben. Weiterlesen

Immer um’s Schwarze Loch drumrum – wie können wir erfassen, wer wir sind?

"Heureka! Bingo! Ich hab's!" Es gibt Momente, in denen wir etwas Wesentliches entdeckt und erkannt haben. Wir können Jahre lang an etwas herumrätseln und wenn wir's dann endlich gefunden haben, fühlt sich das zutiefst befriedigend an. Wir können uns vielleicht...

Dieser Beitrag ist nur für Mitglieder sichtbar.

Jetzt Mitglied werden

Corona: Was ist wahr? Der Kampf zwischen Psyche und Körper

Als ich die ersten Corona-Bilder aus China sah und man dort begann, die Menschen zu isolieren, dachte ich: „Jetzt übertreiben sie aber.“ Als hier die Schulen schlossen und mir wichtige Menschen nicht mehr die Hand reichten, war ich verwirrt. „Was passiert hier?“, fragte ich mich. Das Wort „Schutz“ kam auf, was in mir nicht selten Skepsis und Unbehagen auslöst. So oft spüre ich: Das Wort „Schutz“ wird allzu leicht missbraucht. Im guten Sinne hingegen ist Schutz etwas Beruhigendes, Lebensrettendes, Wertvolles.

Im ersten Semester meines Medizinstudiums lernte ich bereits 1992: „Viele von uns, die wir hier in diesem Hörsaal sitzen, werden wahrscheinlich an einer Infektion sterben. Infektionen sind die Gefahr des neuen Jahrhunderts.“

Das Suchen nach innerer Orientierung an bisher Gelerntem

Als immer mehr Schutzmaßnahmen auftauchten, dachte ich: Wo habe ich im Studium nicht aufgepasst? Was ist jetzt so immens gefährlich? Ich dachte an AIDS 1982, aber auch an Ebola, was mir wirklich mächtig Angst machte. Das Corona-Virus ängstigte mich anfangs relativ wenig. Dann aber sah ich Bilder von Menschen meines Alters, die an Corona erkrankt waren und ich bekam doch Angst: Diese Atemnot muss der Horror sein. Die FDP-Politikerin Karoline Preisler zeigte sich auf Twitter (@PreislerKa), als sie an COVID-19 erkrankte und schrieb etwas von „Verrecken an der Tastatur“. Sie sah extrem krank aus und ich bekam eine Ahnung, wie man sich bei der schweren Infektion fühlen muss.

Seither hielt nun auch ich bewusst Abstand.

Manches geht mir zu weit

Doch dann schlossen auf einmal die Psychotherapie-Praxen und ich bekam erneut Angst – diesmal nicht vor dem Virus, sondern vor dem Gefühl, dass hier wirklich Merkwürdiges passiert. Was mir Unbehagen bereitete war die Tatsache, dass vernünftige, studierte, nachdenkdende Menschen anscheinend fraglos bei dieser Bewegung mitmachten, während mein Hausarzt seine Praxis weiterlaufen ließ und weiterhin ein Gefühl von „Menschsein“ vermittelte. Auch hier kam wieder die Frage auf: Was ist richtig?

An der Stelle, als Psychotherapeuten ihre Praxen schlossen und manche begannen, die Telefon- und Online-Therapie über Gebühr zu loben, wurde mein Kummer wirklich groß.

Ich dachte an die Experimente des Psychologen Harry Harlow. Er konnte ab 1957 an Rhesus-Äffchen zeigen, wie notwendig nicht nur die Nahrung, sondern auch das Kuscheln ist. Die Äffchen, die ohne Mutter in einem Käfig waren, gingen nur zu einer „Draht-Attrappe“, um sich dort Milch abzuholen, kuschelten sich jedoch sonst in die „Fell-Attrappe“ ein. Ich dachte daran, wie Babys sterben können, wenn man sie nur ernährt, aber nicht mit ihnen spricht und sie nicht berührt. Ich dachte an die Vojta-Therapie, bei der Babys von der Mutter entsetzlich gequält werden, nur damit sich körperlich ihre Motorik und ihre Spastik verbessern.

Wir befinden uns in einem Kampf zwischen Körper und Psyche

Der spirituelle Lehrer Eckhart Tolle sieht die jetzige Entwicklung als einen nachvollziehbaren Schritt zu mehr „Bewusstsein“ an. Es gehe um die Unterscheidung von mitunter quälendem Denken und innerem Sein, um klares Bewusstsein und Verwirrung.

Auf der Suche nach mehr Klarheit halten sich die Menschen gegenseitig Zahlen vor und versuchen verzweifelt, das Virus und die Epidemiologie zu verstehen. Doch sie sehen, dass sich das alles (noch) nicht zufriedenstellend fassen lässt.

Gebannt höre ich die vielen Beiträge des Virologen Professor Christian Drosten (Charité Berlin). Auch die Virologin Professor Marylyn Addo, (Deutsches Zentrum für Infektionsforschung) und die Lungenforscherin Professor Susanne Herold vom Uniklinikum Gießen tun mir mit ihrer besonnenen und hochkompetenten Art gut.

„Wo stehst Du?“

Als ich gefragt wurde, auf welcher Seite ich denn stehe, ob auf der Seite von Drosten oder Wodarg, fragte ich erst einmal, was Wodarg sei. Dann fragte ich mich, ob ich denn überhaupt auf einer Seite stehen müsse oder ob das überhaupt möglich ist. Es ist alles so komplex, dass wir nur Stück für Stück schauen können.

In den letzten Tagen fühle ich mich beruhigter, weil ich sehe, wie nun auch Kritiker der jetzigen Vorgehensweise zu Wort kommen dürfen. Als ich ein Interview des kritischen Immunologen Professor Stefan Hockertz (Uni Hamburg) auf Facebook teilte, wurde ich gewarnt, dass dieser Experte von der AfD unterstützt werde. Ich rief ihn an und er versicherte mir, dass er nichts mit der AfD zu tun habe.

Wie gefährlich ist es? Dieses neuartige Corona-Virus verursacht Lungenentzündungen in einer Schwere, die so bisher selten gesehen wurde (Studien siehe unten). Auf ZDF heute online wurden die Thesen des Mikrobiologen Sucharit Bhakdi unter die Lupe genommen: „Corona-Faktencheck: Warum Sucharid Bhaktis Zahlen falsch sind.“ Von Nils Metzger, https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/coronavirus-faktencheck-bhakdi-100.html 23.3.2020.

Sehr wertvoll finde ich die Beiträge des Palliativmediziners Matthias Thöns auf Facebook: Er erklärt, dass die Beatmung auf Intensivstation leidvoll ist und nur bei wenigen Patienten das Überleben so sichert, dass sie gesund aus dem Krankenhaus gehen. Er schlägt unter anderem vor, im Fall einer schweren Infektion die Hilfe eines Palliativmediziners zu Hause anzunehmen.

Und das eigene Bild?

In mir selbst entstand das Bild vom „Russisch Roulette“: Das Virus kann oft nichts ausrichten, doch bekommst Du – warum auch immer – einen schweren Verlauf, dann ist es grausam und lebensgefährlich. Beide Lungenflügel werden von einer extremen Lungenentzündung befallen. Entzündetes Gewebe stellt sich zwischen die Alveolen (Lungenbläschen) und Kapillaren (feine Blutgefäße, die Sauerstoff aufnehmen und Kohlendioxid abgeben). Es scheint bisher eher eine Frage von Glück oder Pech zu sein, bis wir mehr erforschen künnen. Es wirkt so unberechenbar.

„Ein Virus darf nicht zu gefährlich sein, sonst nimmt es sich selbst die Lebensgrundlage. Das ‚weiß‘ es auch und optimiert sich dementsprechend – das heißt: Es wird mit der Zeit weniger tödlich“, hörte ich im Studium.

Die Chancen

Am nachhaltigsten lernen wir durch die Extreme, auch wenn sie katastrophal sind. Doch sie berühren uns zutiefst und die Lehren, die wir aus solchen Zuständen und Erfahrungen ziehen, sind meistens sehr stabil. Diese Corona-Zeit ist extrem und wir werden in einigen Jahren viele wertvolle Schlüsse daraus ziehen können. Diese Schlüsse reichen weit über die Erkenntnisse der Immunologie und Epidemiologie hinaus. Es wird auch auf die Frage, ob der Körper immer Priorität hat, neue Antworten geben.

Ohne Körper können wir nicht leben – er muss geschützt werden. Doch für viele wird das „nackte Überleben“ irgendwann extrem quälend, sodass sie von sich aus den Tod suchen, wenn die Psyche aushungert. Wir alle brauchen Berührung.

Und so findet jeder für sich gerade seinen Weg. Auch als Psychotherapeutin suche ich nach einer Haltung und finde zu diesem Zeitpunkt zu diesem Schluss: So sehr ich in gesunden Zeiten die Online-Therapie als gute Möglichkeit feiere, so sehr bin ich in diesen Tagen dafür, dass psychotherapeutische Praxen – unter Einhaltung der Sicherheitsmaßnahmen – zumindest für die schwer leidenden Menschen geöffnet bleiben.

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Studien zur Schwere der COVID-19-Pneumonie:

Einzelfallstudie: Weiren Luo et al. (9.3.2020):
Clinical pathology of critical patient with novel coronavirus pneumonia (COVID-19)
DOI: 10.13140/RG.2.2.22934.29762, https://www.researchgate.net/publication/339939319_Clinical_pathology_of_critical_patient_with_novel_coronavirus_pneumonia_COVID-19, PDF

Einzelfallstudie: Zhe Xu et al. (2020):
Pathological findings of COVID-19 associated with acute respiratory distress syndrome.
The Lancet Respiratory Medicine, Puplished February 18, 2020,
DOI: https://doi.org/10.1016/S2213-2600(20)30076-X
https://www.thelancet.com/journals/lanres/article/PIIS2213-2600(20)30076-X/fulltext

„Ich krieg‘ die Krise, wenn ich mich an Regeln halten soll!“

Der Krieg ist noch gar nicht weit weg. In Corona-Zeiten fehlt das Toilettenpapier und wir denken an Oma und Opa, die genau davon erzählten. Wenn wir ans Dritte Reich denken, denken wir an unzählige Soldaten, die blind im Gleichschritt marschierten, an Leute di...

Dieser Beitrag ist nur für Mitglieder sichtbar.

Jetzt Mitglied werden

Über die Angst, den Respekt und die Autorität zu verlieren

Eltern, Lehrer, Ärzte, Führungskräfte kennen es: Die Angst, ihre Autorität zu verlieren. „Das Kind, der Klient, der Mitarbeiter soll mir auf keinen Fall auf der Nase herumtanzen“, sagen sie. Doch was genau befürchten Eltern ebenso wie Führungskräfte, wenn sie um den Verlust ihrer Autorität fürchten? Ein „Autor“ zu sein bedeutet ja, der Urheber von etwas zu sein. Wenn alles gut geht, spüren wir, dass wir etwas bewirken können. Zufriedene Kinder wissen: Wenn ich eine Umarmung brauche und meiner Mutter das zeige, wird sie mir die Umarmung geben. Weiterlesen